© www.litterula.de

David Lynch:
Nenn es wie du willst.

Carlsen, 2003.
176 Seiten, EUR 12 (ab 14 J.)

Ist Will eine „Totenscheinbrieftaube" wie sein Vater? Ist er ein mystisches Monster, das weiß, wer als nächstes sterben wird? Ist er tatsächlich verantwortlich für die seltsamen Todesfälle in seinem Ort? Oder liegen alle Entscheidungen bei ihm und er kann in das Leben hineinwachsen, das ihm nicht so recht paßt und es als Geschenk annehmen?

Will ist so sehr von sich selbst abgespalten, dass er die reale Welt als weit entfernt erlebt. Vieles, vor allem im Gefühlsbereich, kann er nicht einordnen und er betrachtet sich wie von außen. Dabei hat er durchaus Bewusstsein für sein abweichendes Verhalten und versucht reflektierend seine Gedanken im Griff zu behalten und die Reaktionen der anderen einzuschätzen. Durch Angela, die mit ihm in der beschützenden Holzwerkstatt arbeitet und die ihn durch ihre direkte Art auch oft zurückweist, wird er unmittelbar mit der Welt konfrontiert, ein schmerzlicher Prozess, der aber eine Öffnung bewirkt. Angela sagt ihm unmissverständlich, dass er der Architekt seines Lebens ist und alle Entscheidungen bei ihm liegen. Gleichzeitig bleibt ihre Person ambivalent, da es ihr nicht nur um Will zu gehen scheint, sondern sie sich auch mit morbider Neugier von seiner Leblosigkeit angezogen fühlt. Will muss sich seinem Trauma stellen, das durch den Selbstmord seines Vaters ausgelöst wurde, muss sehen lernen, dass er für dessen Tat keine Verantwortung trägt und die Wahrheit ans Licht bringen, indem er mit einem übereifrigen Journalisten und einem verrückten Mitschüler den Kampf aufnimmt. Als er ins Meer hinausgeht, siegt sein Lebenswille und er schwimmt sich frei...
Da es ganz aus der Sichtweise des schizophrenen Jungen geschrieben ist, analog zu seiner Abspaltung von sich selbst in der zweiten Person, muss dieses Buch zwangsläufig verstörend und verwirrend sein. Die seltsamen Skulpturen, die Todesfälle, die zum Kult werden, die Bedrohung Wills durch seine „Verehrer" machen das Buch sehr dunkel, doch zugleich erzählt es auch eine besondere Liebesgeschichte und es dokumentiert vor allem den gewaltigen Befreiungsprozess Wills, der sich aus seiner psychischen Krankheit herausarbeitet.


© Ulrike Schmoller
www.litterula.de